Leopold Museum: Hundertwasser & Schiele. Imagine Tomorrow

Hundertwasser: Ich liebe Schiele

Friedensreich Hundertwasser, Le grand chemin, St. Mandé/Seine
Friedensreich Hundertwasser, 224 Le grand chemin, St. Mandé/Seine, 1955 © Belvedere, Wien © 2019 Namida AG, Glarus, Schweiz

Leopold Museum: Ausstellung Hundertwasser – Schiele. Imagine Tomorrow. Am 19. Februar 2020 jährte sich der Todestag Friedensreich Hundertwassers (1928–2000) zum zwanzigsten Mal. Als Maler, Vorkämpfer der Ökologiebewegung und Gestalter von Lebensräumen prägte er die Kunst des 20. Jahrhunderts über die Grenzen Österreichs hinaus. Wenig bekannt ist die intensive Beschäftigung des Künstlers mit der Person und dem Werk Egon Schieles (1890–1918). 

Ausstellung Hundertwasser – Schiele. Imagine Tomorrow

Friedensreich Hundertwasser, Venedig
PETER FEMFERT, Friedensreich Hundertwasser, Venedig 1983 © Foto: Peter Femfert, DIE GALERIE Frankfurt am Main

Der am 15. Dezember 1928 als Friedrich Stowasser in Wien geborene Künstler überlebte mit seiner jüdischen Mutter die Diktatur des Nationalsozialismus und die Shoah. 1943 wurden 69 Familienmitglieder deportiert und ermordet. Im gleichen Jahr schuf Friedrich Stowasser erste bewusste Zeichnungen nach der Natur. Nach Ende des Zweiten Weltkriegs entschied sich Stowasser für den Künstlerberuf und schrieb sich an der Akademie der bildenden Künste in Wien ein. Im Wintersemester 1948/49 studierte er drei Monate in der Klasse von Robin Christian Andersen, bevor er später in die Klasse des Schiele-Freundes Albert Paris Gütersloh wechseln wollte. Zeitgleich entdeckte Stowasser in Ausstellungen und in Büchern die Kunst der Wiener Moderne: Vor allem Egon Schiele sollte in den folgenden Jahren eine zentrale Bezugsfigur für den international agierenden Künstler werden. Egon Schiele war schon bei seinen Zeitgenossen für seine charakteristische Strichführung, seine Flächengliederung und sein tonales Kolorit berühmt. Die Selbststilisierung Egon Schieles zum Propheten fand in Friedensreich Hundertwasser ebenso Widerhall wie die Darstellung der beseelten Natur. Hundertwasser Biografie → …

Dialog mit Schiele 

Der in der Ausstellung Hundertwasser – Schiele. Imagine Tomorrow angelegte künstlerische Dialog mit Schiele führt von Hundertwassers Verschimmelungsmanifest zu Schieles Haus- und Städtebildern und von dessen Landschaften zur vegetabilen Abstraktion in Hundertwassers Werken. Erstmals beleuchtet das Leopold Museum diese beiden Ikonen österreichischer Kunst – zusammen 100 Jahre Kunstgeschichte umspannend – in einem neuen, überraschenden Licht und spürt der Verwandtschaft zweier Künstler nach, die einander nie persönlich kennenlernen konnten und doch so viel verbindet.

Unerwartete, aber überzeugende Korrespondenzen zwischen dem Schaffen Hundertwassers und Schieles ergeben sich in formalästhetischer wie auch in motivischer Hinsicht. Die OEuvres der beiden Künstler berühren sich in spezifischen Themenkomplexen, etwa der animistisch aufgefassten Natur, der Rolle des Künstlers als Prophet bzw. Priester, dem Verhältnis von Individuum und Gesellschaft oder der anthropomorphisierenden Auffassung von gebauter Umwelt, die hier wie dort als natürlich gewachsener Organismus erscheint. Hans-Peter Wipplinger, Direktor Leopold Museum

Hundertwasser: Ich liebe Schiele

FRIEDENSREICH HUNDERTWASSER, Der Nasenbohrer und die Beweinung Egon Schieles,
FRIEDENSREICH HUNDERTWASSER, 622 Der Nasenbohrer und die Beweinung Egon Schieles, Lugano, 1965 © Die Hundertwasser Gemeinnützige Privatstiftung, Wien Foto: Leopold Museum, Wien/Manfred Thumberger © 2020 Namida AG, Glarus, Schweiz

Auf Basis seiner Notizen und Tagebücher verfasste Hundertwasser um 1950/51 den poetischen Text Ich liebe Schiele. Der Künstler war für den jungen Maler aus Wien ein „Vater“ und Kunst eine „neue Religion“. Als er 1949 durch Italien und Nordafrika reiste und nach Paris übersiedelte, schrieb Hundertwasser unzählige Briefe an seine Mutter nach Wien. Diese lassen den Weg Hundertwassers vom suchenden und lernenden Kunststudenten zum selbstsicheren Künstler lebendig werden. In diesen Dokumenten legte er seine Überlegungen zur Kunst dar, schrieb Listen mit seinen Lieblingskünstlern und nannte immer wieder den Namen Egon Schiele. Als er in Paris angekommen war, musste Hundertwasser entdecken, dass Egon Schiele dort ein Unbekannter war. Daraufhin ließ er sich von seiner Mutter Publikationen über Schiele nachsenden, die er an seine Freunde verschenkte. Hundertwassers Liebe zu Egon Schiele währte ein Leben lang. Auch noch nach der Selbstfindung als Künstler 1950 sah er sich mit der Kunst Schieles (Egon Schiele Biografie → …) verbunden und noch in seinen späten Lebensjahren hingen Reproduktionen von dessen Werken in Hundertwassers Wohn- und Arbeitsräumen – sowohl in Venedig als auch in Neuseeland. 

Die Wahlverwandtschaft zwischen Friedensreich Hundertwasser und Egon Schiele bildet innerhalb der Kunst des 20. Jahrhunderts einen besonderen Sachverhalt. Sie beruht auf kunsthistorisch nachweisbaren Filiationen und Zusammenhängen im stil- und formgeschichtlichen sowie im geistes- und ideengeschichtlichen Bereich. Diese sind in vorliegendem Fall auch empirisch belegbar, bedenkt man die noch kaum aufgearbeiteten archivalischen Dokumente im Nachlass des jüngeren der beiden Künstler. Robert Fleck, Kurator der Ausstellung

Leopold Museum – Bildgalerie 

Leopold Museum → … Ausstellung Hundertwasser – Schiele. Imagine Tomorrow im Leopold Museum in Wien. Tickets für die Ausstellung Hundertwasser – Schiele können Sie einfach und bequem hier online bestellen → …

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