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Carl Spitzweg trifft auf Erwin Wurm – erste Spitzweg Ausstellung in Österreich

Ironisch formulierte Gesellschaftskritik köstlich aufbereitet.

Carl Spitzweg trifft auf Erwin Wurm, Art On Screen - News - [AOS] Magazine
Carl Spitzweg, Selbstbildnis, 1842 © Museum Georg Schäfer, Schweinfurt Foto | Photo: Museum Georg Schäfer, Schweinfurt

Mit „CARL SPITZWEG – ERWIN WURM. Köstlich! Köstlich?“ präsentiert das Leopold Museum Wien die erste Ausstellung von Carl Spitzweg in Österreich und zeigt ein ungemein zeitloses und verblüffend aktuelles OEuvre. In der von Leopold Museum-Direktor Hans-Peter Wipplinger kuratierten Schau trifft der dem Biedermeier zugeordnete, ironisch-humorvolle deutsche Maler Carl Spitzweg (1808–1885) auf Erwin Wurm (geb. 1954), den Meister des erweiterten Skulpturbegriffs.

Ironisch formulierte Gesellschaftskritik köstlich aufbereitet.

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Carl Spitzweg, Der Kaktusliebhaber, 1850 © Museum Georg Schäfer, Schweinfurt Foto | Photo: Museum Georg Schäfer, Schweinfurt

Die Ausstellung fokussiert mit rund 100 Gemälden und Grafiken sowie Buchillustrationen auch erstmals – entgegen der mit dem Biedermeier verbundenen Vorstellungen von Beschaulichkeit und kleinbürgerlicher Idylle – explizit auf Spitzwegs gesellschafts- und zeitkritisches Werk, das die Brüche und Konflikte seiner Zeit künstlerisch dokumentiert. Gleichzeitig erschließt die Auseinandersetzung mit Spitzwegs Schaffen die Aktualität seiner Themen, die sich in der „Generation Biedermeier“ des 21. Jahrhunderts wiederfinden und durch 15 präzise gesetzte Interventionen von Erwin Wurm verdeutlicht werden, die mittels der Strategie „Humor als Waffe“ agieren.

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Carl Spitzweg, Die Dachstube I, 1848–1850 © Eckhart G. Grohmann Collection, Milwaukee, WI (USA) Foto | Photo: Eckhart G. Grohmann Collection, Milwaukee, WI (USA)/Larry Sanders, Milwaukee, WI (USA)

Der epochenübergreifende, dialogische Ansatz der Ausstellung lässt sich über die einzelnen thematischen Kapitel der Präsentation nach verfolgen. So treten etwa die kleinstädtischen Bilder Carl Spitzwegs, die durch eine präzise und detailreiche Konzeption getragen sind, im ersten Raum in einen Dialog mit Erwin Wurms Arbeit Narrow House von 2010. Spitzwegs Werke gleichen hierbei nur auf den ersten Blick idyllischen Stadtszenarien, die mit volkstümlich gekleidetem Personal – vornehmlich Wachposten, Musikanten, Sänger und weibliche Darstellerinnen – bevölkert sind. Bei genauerer Betrachtung zeichnen sich feudale, hierarchische, patriarchalische und autoritäre Strukturen ab, die auf das System bornierter Beschränkungen verweisen, das geprägt war von den in Spitzwegs Epoche gültigen Moralvorstellungen. Den Eindruck von kleinlichem Gewinkel vermittelt auch Wurms Arbeit Narrow House, die das Elternhaus des Künstlers in Volumen und Proportionen verändert zitiert, um damit auf die gesellschaftliche Enge vergangener Jahrzehnte zu reflektieren.

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Carl Spitzweg, Eremit, Hühnchen bratend, 1841 © Museum Georg Schäfer, Schweinfurt Foto | Photo: Museum Georg Schäfer, Schweinfurt

Zahlreiche Werke Carl Spitzwegs offenbaren auch seine subversive Haltung gegenüber den Mächten des Staates, seien es Zollbeamte, Wachposten oder Bürgersoldaten. Die Beschäftigungslosigkeit der Uniformierten in den friedlichen Zeiten nach den Napoleonischen Kriegen verleitete Spitzweg zu grotesken Darstellungen wie strickenden Soldaten. Doch Spitzweg scheute auch nicht vor der Thematisierung von Korruption und Ungerechtigkeit im Überwachungsstaat zurück. Die Aktualität dieser Themen wird durch Erwin Wurms Arbeit New York Police Cap Gold von 2010 unterstrichen, welche der Polizeikappe überdimensionale Größe verleiht und die Betrachtenden dazu einlädt, sich unter dieses nicht nur schützend, sondern auch bedrohlich wirkende Symbol des Rechtsstaates zu stellen.

Weitere Bereiche der Ausstellung widmen sich Carl Spitzwegs Passion der Darstellung widersprüchlicher Charaktere, die den Künstler nicht nur als Chronisten seiner Zeit, sondern insbesondere auch als sensiblen Psychologen erkennen lassen. So finden sich in seinen Bildern scheinbar fromme Mönche, die sich vermeintlich asketisch von der Zivilisation in ihre Eremitenhöhle zurückgezogen haben, hier jedoch einer durchaus lustorientierten Lebensweise frönen. Auch ins Schrullige gesteigerte Gelehrten-Darstellungen, mit welchen Spitzweg die Wissenschaftsgläubigkeit seiner Zeit ironisierte, finden sich in vielen Arbeiten des Künstlers. Zu ihnen gesellen sich Erzählungen von Spießbürgern in ihrer Freizeitbeschäftigung als „Sonntagsjäger“ und vom nicht nur realen, sondern auch moralisch gesehenen rechten Weg abkommenden „Schulmeisterlein“.

Ihr Gegenüber finden die Spitzweg’schen Antihelden in One Minute Sculptures und anderen Werken Erwin Wurms, welche oftmals – ebenso wie Spitzwegs Gemälde – Situationskomik mit einer gesellschaftskritischen Note vermengen. Beide OEuvres verbindet somit – wie die Ausstellung aufzeigt – ein kritisch-reflektierter Humor, der als Waffe eingesetzt, den Alltag aus anderer Perspektive zeigt und damit vielschichtige Dimensionen evoziert.

CARL SPITZWEG – ERWIN WURM. Köstlich! Köstlich? 25. März bis 19. Juni 2017. Leopold MuseumGeöffnet täglich außer Dienstag, 10-18 Uhr, Donnerstag bis 21 Uhr, im Juni täglich geöffnet.

Carl Spitzweg – Erwin Wurm im Leopold Museum

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Erwin Wurm, Art On Screen - News - [AOS] Magazine
Carl Spitzweg, Der Bücherwurm, 1850 © Museum Georg Schäfer, Schweinfurt Foto Photo Museum Georg Schäfer, Schweinfurt

IST DAS BIEDERMEIER? Amerling, Waldmüller und mehr …

Die Ausstellung rückt die Entwicklung der Malerei in den Jahren zwischen 1830 und 1860 in den Mittelpunkt und stellt dabei die provokante Frage: „Ist das Biedermeier?“.

IST DAS BIEDERMEIER, Art On Screen - News - [AOS] Magazine
József Borsos, Der Emir vom Libanon (Porträt von Edmund Graf Zichy), 1843 © Szépművészeti Múzeum/ Museum of Fine Arts, Budapest, 2016, Foto: © Tibor Mester, Öl auf Leinwand 154 × 119 cm
Im Zentrum steht die österreichische Malerei, respektive die Kunstentwicklung in der Kaiserstadt Wien, gezeigt werden Porträts, Landschaften und Genrebilder. Die Malerei erfährt ihre erste Blüte in den 1830er-Jahren, wobei deren Strahlkraft bis weit über die Jahrhundertmitte hinaus wirkt, bis durch den Bau der Ringstraße der Historismus in der österreichischen Kunst Einkehr hält. Die Ausstellung beginnt also inmitten der historischen Epoche des Biedermeier und ragt weit über deren Ende hinaus. Aufgrund der kontinuierlichen Entwicklung in der Malerei wird ersichtlich, dass Kunst und Geschichte nur bedingt aufeinander wirkten. So hinterlässt die Revolution von 1848, mit der die Epoche des Biedermeier bzw. des Vormärz beendet wurde, lediglich in der Darstellung von dem politischen Ereignis ihre Spuren, nicht aber in maltechnischer oder kompositorischer Hinsicht.

Belvedere Museum Wien

IST DAS BIEDERMEIER, Art On Screen - News - [AOS] Magazine
Francesco Hayez, Venere che scherza con due colombe (Ritratto della ballerina Carlotta Chabert) [Venus mit zwei Tauben spielend (Porträt der Tänzerin Carlotta Chabert)], 1830 © Rovereto, Mart- Museo di arte moderna e contemporanea die Trento e Rovereto, Foto: © Archivio Fotografico e Mediateca Mart, Öl auf Leinwand 183 × 137 cm
Das Belvedere verfügt über einen der weltweit bedeutendsten Sammlungsbestände österreichischer Kunst des 19. Jahrhunderts, darunter große Meisterwerke der Kunstgeschichte. Die aktuelle Ausstellung Ist das Biedermeier? Amerling, Waldmüller und mehr, präsentiert den Besuchern die Malerei zwischen 1830 bis 1860 nun aus einem völlig neuen Blickwinkel und bewirkt vielleicht, dass der Begriff des „Biedermeier“ in der Malerei zukünftig mit mehr Bedacht verwendet wird. Denn die großartigen Leistungen jener Künstler, die bisher dem Biedermeier zugeschrieben wurden, gehen weit über diese historische Epoche hinaus.

Die Frage „Ist das Biedermeier?“ zieht automatisch die Gegenfrage nach sich: „Was will das Publikum als Biedermeier sehen?“

IST DAS BIEDERMEIER, Art On Screen - News - [AOS] Magazine
Johann Nepomuk Ender, Zwei Mädchen in einer Landschaft, 1842 © Belvedere, Wien, Öl auf Leinwand 79 x 63 cm
Das Denken der Zeit äußert sich in der Themenwahl und nicht in der stilistischen Entwicklung der Malerei. Dargestellt werden Szenen aus dem bürgerlichen Leben. Waldmüllers Fronleichnamsmorgen (1857), Reisigsammler im Wienerwald (1855) oder Vorfrühling im Wienerwald (1861, alle Belvedere, Wien) gelten, obwohl sie lange nach dem Ende der Biedermeierepoche entstanden sind, aus einer Gewohnheit heraus nach wie vor als die Beispiele einer Biedermeiermalerei. Dabei zählen diese Werke in jeder Beziehung, also hinsichtlich der Behandlung des Lichts, der räumlichen Gestaltung und des Erzählgehaltes auch im internationalen Kontext zu den Höhepunkten der realistischen Genremalerei. Um diese eingefahrenen Denkschemata aufzulösen, sind in der Ausstellung Werke zu sehen, deren Themen und Erscheinungsbild sehr unterschiedlich sind, obwohl sie alle aus dem genannten Zeitraum stammen. Vor dem Hintergrund einer gemeinsamen Basis wurden Maler gewählt, deren Geburtsjahr zwischen 1790 und 1820 liegt, deren künstlerische Ausbildung einem ähnlichen Denken entspringt und deren Entwicklung aus diesem Grunde auch unter vergleichbaren Bedingungen verlief. Außerdem konzentriert sich die Auswahl nicht nur auf österreichische Maler, sondern reicht über die Grenzen des heutigen Österreich hinaus bis nach Oberitalien, Slowenien, nach Ungarn und Tschechien. Auf dieser Basis ist eine Zusammenschau der Kunstentwicklung in der Mitte des 19. Jahrhunderts im gesamten Gebiet von Österreich und der habsburgischen Kronländer gegeben. Die Objektauswahl wurde in Absprache mit Wissenschaftlern in den betreffenden Ländern vorgenommen, um einen repräsentativen Überblick zu gewährleisten.

„Von großem Interesse sind vor allem jene Künstler, deren Arbeiten eine hohe Eigenständigkeit aufweisen und damit den traditionellen akademischen Vorgaben entgegenwirkten. Als herausragendes Beispiel ist hier Friedrich von Amerling zu nennen, der mit seinen einfigurigen Genrebildern eine einzigartige Stellung im Wiener Umfeld einnahm“, so Kuratorin Sabine Grabner.

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Francesco Hayez, La accusa segreta [Die geheime Anklage], 1847–1848, © Pavia, Musei Civici del Castello Visconteo, Öl auf Leinwand 153 × 120 cm
Von großer Folgewirksamkeit waren auch Josef Danhausers ideenreiche Bilderzählungen, desgleichen die hervorragenden Porträts und Genrebilder des aus Ungarn stammenden und hauptsächlich in Wien wirkenden József Borsos, die kraftvollen Landschaftsdarstellungen des tschechischen Malers Bedřich Havránek, die vorzüglich ausgeführten Figuren des in Mailand wirkenden Francesco Hayez, die vielfältigen Menschendarstellungen des Oberösterreichers Johann Baptist Reiter, sowie die ausdrucksstarken Porträts des in Görz/Gorizia geborenen und in Triest arbeitenden Giuseppe Tominz. „Eine Sonderstellung nimmt der Wiener Ferdinand Georg Waldmüller ein, der sowohl mit seinen Porträtdarstellungen, als auch mit den Landschaftsansichten und Figurenbildern eine Vorreiterrolle innehatte. Waldmüller war es auch, der noch während der Biedermeierzeit in seinen Bildern auf die Verelendung der Bevölkerung am Rande der Gesellschaft hinwies und mit seinen Darstellungen die Situation von Pfändungen, Delogierungen oder Kinderarbeit thematisierte“, ergänzt Sabine Grabner.

Die Ausstellung im Unteren Belvedere zeigt neben hochkarätigen Leihgaben aus öffentlichen und privaten Sammlungen in Italien, Deutschland, Slowenien, Tschechien und Ungarn auch eine Auswahl von rund fünfzig Werken aus der Sammlung des Belvedere, das im Besitz der weltweit größten Biedermeiersammlung ist.

Die von Sabine Grabner kuratierte Ausstellung ist bis 12. Februar 2017 im Unteren Belvedere zu sehen. Belvedere, Prinz Eugen-Straße 27, 1030 Wien. Öffnungszeiten Täglich 10 bis 18 Uhr, Mittwoch 10 bis 21 Uhr