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Pop, Funk und Anti-Helden – Die eigenwillige Malerei von Peter Saul

Lange bevor „Bad Painting“ ein zentrales Anliegen der zeitgenössischen Kunst wurde, verletzte Peter Saul ganz bewusst den guten Geschmack. Unverkennbar ist auch seine Nähe zur Funk Art, im Speziellen zur Junk Culture, einem spezifischen Genre, das an der West Coast und besonders in San Francisco stark ausgeprägt war.

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Peter Saul, Porträt, © Schirn Kunsthalle Frankfurt, 2017, Foto: Norbert Miguletz
Die Schirn Kunsthalle Frankfurt präsentiert bis 3. September 2017 eine umfassende Überblicksausstellung zum Werk des US-amerikanischen Malers Peter Saul (*1934 in San Francisco). In seiner ganz eigenen Sprache hat er ab den späten 1950er-Jahren ein Crossover aus Pop Art, Surrealismus, Abstraktem Expressionismus, Chicago Imaginism, San Francisco Funk und Cartoon Culture entwickelt, in dem er es versteht hochkomplexe Themen der politischen und sozialen Wirklichkeit anzusprechen. Mit der Pop Art teilt Peter Saul das Interesse am Banalen, an der Konsumgesellschaft und den heiteren Bildwelten des Comics in leuchtenden, ansprechenden Farben. Nicht zuletzt ist sein Werk aber auch mit den ästhetischen Strategien der Gegenkultur in Kalifornien verbunden. Eine fast zornige Malerei zeigt sich, wenn Saul die Schattenseiten des American Dream darstellt. Hier offenbart sich die Gleichzeitigkeit von überbordendem Humor und spielerischer, aber doch harscher Systemkritik. Witz, Slapstick, Sprachspiel, Comic, Persiflage, oft auch derber Humor sind die Mittel seiner karikaturhaften Angriffe auf die US-amerikanische Hochkultur.

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Peter Saul, Oedipus Jr., 1983, Acryl und Öl auf Leinwand, 228,5 x 183 cm, Hall Collection, © Peter Saul, Courtesy Hall Art Foundation, Foto: Jeffrey Nintzel
Abseits von großen künstlerischen Schulen hat Saul ein äußerst eigenwilliges OEuvre entwickelt. Nie wirklich zu einer Gruppe oder Bewegung gehörend, malt er seit mehr als 50 Jahren auf seine Weise gegen die wechselnden künstlerischen Moden an. Sauls Bilder erzählen Geschichten, neigen zur Übertreibung und wehren sich gegen eindeutige Lesarten. Die Schirn versammelt rund 60 Arbeiten dieses bislang viel zu wenig beachteten „artists’ artist“, darunter wegweisende Werkgruppen, wie seine Ice Box Paintings, seine Comic-Narrationen und seine Vietnam-Bilder aus den 1950er- und 1960er-Jahren, noch nie ausgestellte Zeichnungen sowie ausgewählte späte Arbeiten der 1980er- bis 2000er-Jahre.

Dr. Martina Weinhart, Kuratorin der Ausstellung zum OEuvre Peter Sauls, erläutert: „Seit seinen Anfängen in den frühen 1960er-Jahren sind der Humor und die Überschreitung die Waffen, die Peter Saul in seinen Arbeiten respektlos anwendet. Jahre später wurde dies unter dem Label Bad Painting eine zentrale Strategie der Gegenwartskunst. Als Gegner der Political Correctness instrumentiert Saul sein OEuvre als kraftvollen Amoklauf gegen die Regeln, wie ein modernes Kunstwerk zu sein hat. Und als artists’ artist hat er eine jüngere Generation US-amerikanischer Künstler damit maßgeblich beeinflusst.“

Ice Box Paintings, Crime & Superman…

Die Malerei von Peter Saul entspringt einer der wohl spannendsten Phasen der US-amerikanischen Kunstgeschichte. Mitte der 1950er-Jahre brach eine junge Künstlergeneration mit den Regeln und Werten des Abstrakten Expressionismus. Es wurde eine neue Parallele von Kunst und Leben entdeckt, in der das traditionelle Kunstwerk ausgedient hatte. In der Beschäftigung mit dem Alltag ging es darum, eine bürgerliche Vorstellung von Originalität und Einzigartigkeit zurückzuweisen.

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Peter Saul, Ice Box 8, 1963, Öl auf Leinwand, 190 x 160 cm, Hall Collection, © Peter Saul, Courtesy Hall Art Foundation, Foto: Jeffrey Nintzel
Pop etablierte sich als Leitkultur, wurde zu einem globalen Phänomen und fand mit Andy Warhol, Roy Lichtenstein, Jasper Johns und Robert Rauschenberg seine bekanntesten Vertreter. Peter Sauls Bilder wurden häufig der Pop Art zugeordnet. Trotz der motivischen Verwandtschaft und dem gemeinsamen Interesse an der Alltagskultur, die seine Arbeiten mit der Pop Art verbinden, grenzen sie sich aber auch deutlich davon ab. Den Auftakt der Ausstellung in der Schirn bildet seine frühe Werkgruppe der sogenannten Ice Box Paintings aus den späten 1950er- und frühen 1960er-Jahren. Die Ice Box, der Kühlschrank, ist Symbol für Wohlstand und wirtschaftliches Wachstum der Nachkriegsgesellschaft. Sauls Bilder stellen das Chaos einer überbordenden Dingwelt dar und berichten von den Verheißungen, die damit einhergehen. Gleichzeitig sind sie auch die Bühne für Erzählungen über die Massen- und Konsumkultur: In wüster Formensprache packt Saul ganze Leben in diese Ice Boxes. Mit ihrem komplex-chaotischen Bildaufbau zeigen sie auch eine gewisse Nähe zur dynamischen Gestik des Abstrakten Expressionismus eines Willem de Kooning. Saul vereint in seiner Malerei gegensätzliche Stilrichtungen wie Pop Art und Abstrakten Expressionismus und fügt seinen Bildern das Erzählen von Geschichten als neues, eigenes Moment hinzu.

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Peter Saul, Superman and Superdog in Jail, 1963, Öl auf Leinwand, 190,5 x 160 cm, Collection of KAWS, © Peter Saul, Foto: Farzad Owrang
Als Protagonisten für seine Narrationen wählte der Maler häufig populäre Helden der Comicstrips, wie etwa Mickey Mouse, Superman oder Donald Duck. Es sind Figuren, die jeder kennt und mit denen sich die Öffentlichkeit identifizierte. In seinen Arbeiten der 1960er-Jahre verhandelt er mit seinen Comic-Charakteren ernste, politische Inhalte. In dem Bild Mickey Mouse vs. The Japs (1962) lässt er die kleine Mickey Mouse, stellvertretend für den Durchschnittsamerikaner, gegen die Japaner kämpfen und bedient damit weniger die Vorstellung der USA als Melting Pot, sondern verweist vielmehr auf die Brüche und Konflikte zwischen den Kulturen. Neben Mickey Mouse tritt Superman – bis heute die bekannteste Figur im Kreise der Superhelden – häufig in seinen Arbeiten auf. Saul dekonstruiert jedoch die Rolle des tadellosen Helden: Er setzt ihn mit Banalitäten ins Bild und konzentriert sich auf seine dunklen Momente der Niederlage. Die Ausstellung präsentiert aus dieser Superman-Werkgruppe etwa Superman and Superdog in Jail (1963), in dem der Held mit zerrissenem Kostüm im Gefängnis sitzt, unter ihm eine Toilettenschüssel, aus der Superdog genüsslich sabbert. Oder etwa auch Superman’s Punishment (1963), in der eine monströse Maschine Superman plattdrückt: Das Bein wird abgeknickt, der Arm flachgewalzt, und das Gesicht ist aschgrau. In einer ganzen Reihe von weiteren Bildern rückt Saul auch die Gegenseite ins Zentrum seiner Erzählungen und illustriert Verbrechen und Gewalt. Er zeigt einen Killer (1964), einen Frauenmord – Woman Being Murdered (1964), einen Täter, der nach einem Sex Crime (1964) die Frauenleiche beseitigen will, oder eine Gruppe von Bankräubern, das Super Crime Team (1961/62). Wo das Verbrechen enden kann, illustriert Saul u. a. in dem Werk Crime Doesn’t Pay (1963) – benannt nach einer beliebten Comic-Serie in den USA – und in Man in Electric Chair (1964), in denen die Gangster und Schurken mit dem Gesetz konfrontiert werden.

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Peter Saul, Crime Doesn’t Pay, 1963, Öl auf Leinwand, 150 x 130 cm, © Peter Saul, Collection of KAWS, Foto: Farzad Owrang
In der Mitte der 1960er-Jahre beginnt Saul, seine Kunst vermehrt mit politischen Botschaften zu verknüpfen. Unverkennbar ist auch seine Nähe zur Funk Art, im Speziellen zur Junk Culture, einem spezifischen Genre, das an der West Coast und besonders in San Francisco stark ausgeprägt war. Seine künstlerische Haltung mit einer Vorliebe für alles Bizarre, Sinnliche, wenig Förmliche und oft sogar Hässliche wird schließlich auch in seinen in der legendären Funk-Ausstellung 1967 am University Art Museum in Berkeley präsentierten Arbeiten sichtbar. Die Funk Art war Ausdruck einer erstarkenden Gegenkultur, die leidenschaftlich die Forderungen des Konsumwahns, die Bigotterie und die Verklemmtheit, die Vulgarität und die Ungerechtigkeit der Welt verachtete. Als einer der ersten Maler wendete sich Saul 1965 mit seinen Vietnam-Bildern einem der dunkelsten Kapitel der amerikanischen Geschichte zu. Die Ausstellung präsentiert Yankee Garbage (1966), Vietnam (1966) und das Hauptwerk dieser Werkgruppe, Saigon (1967), in denen Saul Partei ergreift und seinen Zorn über vom US-amerikanischen Militär in Vietnam begangene Gräueltaten wie Folter und sexualisierte Gewalt ausdrückt. Auch hier bedient sich der Künstler der Comicsprache: Alle Figuren sind in einem chaotischen Durcheinander verbunden, grell bunt und überzeichnet. In diesen Bildern zeigt sich die Gleichzeitigkeit von sehr finsterem, sarkastischem Humor und bissiger Kritik am politischen System.

Galerie – Slide Show:

Neben Themen wie dem Vietnamkrieg und der sexuellen Ausbeutung der Frau verhandelt Saul in seinen Bildern auch Rassenkonflikte und die gesellschaftliche Spaltung durch Armut und Reichtum. Die Schirn stellt eine Auswahl seiner aussagekräftigsten Bilder in der Ausstellung vor, wie etwa The Government of California (1969), in dem Saul einen Showdown von Gut und Böse unter der Golden Gate Bridge inszeniert: der ultra-konservative Gouverneur Ronald Reagan gegen die Menschenrechtsikone Martin Luther King. Neben King hat der Maler mehrfach die Bürgerrechtlerin Angela Davis porträtiert. Das Bild San Quentin #1 (Angela Davis in San Quentin) (1971) zeigt sie nackt vor den Toren des Gefängnisses, gequält von drei Schweinchen namens „Justis“, „Munny“ und „Powur“. In diesem Werk wird auch Sauls Lust am Sprachspiel und das Ignorieren von Rechtschreibung und Semantik deutlich. Sprachliche Regelbrüche ziehen sich durch sein gesamtes OEuvre. Reagan kehrt im Jahr 1983 als Motiv zurück: Mit Ronald Reagan in Grenada bildet Saul den ehemaligen Westernhelden und damaligen Präsidenten der USA als wild um sich ballernden, finsteren Anti-Superman mit Dollarnoten in der Hand ab. Bis heute bewegt sich Peter Sauls Malerei entlang aktueller Themen des US-amerikanischen Zeitgeschehens, wie etwa das Bild Bush at Abu Ghraib aus dem Jahr 2006, zeigt.

Die Ausstellung „Peter Saul“ wird durch die Unterstützung der Terra Foundation for American Art ermöglicht.

Externer Link zur Kunsthalle

SCHIRN KUNSTHALLE FRANKFURT, Römerberg, 60311 Frankfurt. Öffnungszeiten: Dienstag. Freitag – Sonntag 10 – 19 Uhr. Mittwoch, Donnerstag 10 – 22 Uhr

Egon Schiele – Auftakt zum Gedenkjahr 2018

„Ich bin froh, dies alles und noch mehr zu erleben, denn gerade diese Erlebnisse, die traurig sind, klären den schaffenden Menschen.“ [Egon Schiele]

Egon Schiele , Gedenkjahr 2018, Art On Screen - News - [AOS] Magazine
Egon Schiele, Zwei Freundinnen, 1915, Budapest, Szépmüvészeti Múzeum
Als Auftakt zum Gedenkjahr 2018 zeigt die Albertina bereits jetzt eine umfassende Ausstellung von Egon Schieles Werk. Sie positioniert sein radikales OEuvre in einer zwischen Moderne und Tradition gespaltenen Epoche. 160 seiner schönsten Gouachen und Zeichnungen führen in ein künstlerisches Werk ein, das sein großes Thema in der existenziellen Einsamkeit des Menschen findet und in drastischem Gegensatz zu den Wertvorstellungen der Gesellschaft des Fin de Siècle steht. Während Schiele üblicherweise als Teil der künstlerischen und geistigen Elite der Wiener Jahrhundertwende von Mahler bis Schnitzler, von Freud bis Kraus, von Altenberg bis Hofmannsthal betrachtet wird, folgt die Inszenierung der Ausstellung einem anderen Prinzip: Große, im Raum schwebende Fotografien konfrontieren die radikalen Arbeiten des Künstlers mit der Realität seiner Umwelt. Sie bilden den realen Hintergrund, der die Fallhöhe zwischen dem Schaffen Schieles und der ihn umgebenden Gesellschaft verdeutlicht.

Der große Zeichner Egon Schiele

Egon Schiele , Gedenkjahr 2018, Art On Screen - News - [AOS] Magazine
Egon Schiele, Sitzender weiblicher Akt mit aufgestützten Ellbogen, 1914, Albertina, Wien
Egon Schiele (1890–1918) ist nicht nur Wegbereiter und Hauptmeister des österreichischen Expressionismus und neben Klimt eine der Schlüsselfiguren der Wiener Jahrhundertwende, er ist vor allem auch der größte Zeichner des 20. Jahrhunderts. Nach seinem Studium an der Akademie, das den strengen Vorschriften des dortigen Lehrbetriebs folgt, wendet sich der junge Künstler zunächst dem Jugendstil zu. Sein Vorbild findet er in Gustav Klimt. Doch im Gegensatz zu Klimt, dessen Zeichnungen als Ideen, Entwürfe oder Skizzen für seine Gemälde dienen, betrachtet Egon Schiele seine Arbeiten auf Papier bald als autonome Kunstwerke. Um 1910 findet er als kaum Zwanzigjähriger zu einem unverwechselbaren, eigenen Stil – und dies vor allem in seiner Zeichenkunst.

Egon Schiele , Gedenkjahr 2018, Art On Screen - News - [AOS] Magazine
Egon Schiele, Schwarzhaariger Mädchenakt, 1910, Albertina, Wien
In der Zeichnung, im Aquarell und der Gouache beschreitet der Künstler neue Wege: Mit sicherer, kräftiger Linienführung erfasst er seinen Bildgegenstand, der meist der menschliche Körper ist. Einerseits charakterisiert er ihn durch treffsichere Konturierung, andererseits verfremdet er ihn durch gewagte Perspektiven und überspitzte Gestik und Mimik. Gerade in seinen präzise kalkulierten Zeichnungen erschließt Schiele in Bezug auf Ikonografie und Farbgebung neues Terrain. Nicht zufällig wird das zeichnerische OEuvre des Künstlers als seiner Malerei mindestens ebenbürtig geschätzt – der Zeichner Schiele ist dem Maler Schiele sogar weit überlegen. Als Zeichner wird er in weiterer Folge zum großen Vorbild für viele KünstlerInnen unserer Zeit.

Tabubruch als Prinzip

Egon Schiele , Gedenkjahr 2018, Art On Screen - News - [AOS] Magazine
Egon Schiele, Grimassierendes Aktselbstbildnis, 1910, Albertina, Wien
Egon Schieles Darstellungen ausgezehrter Körper zeigen eine damals wie heute radikale Ästhetik des Hässlichen. Diese widerspricht dem Schönheitsideal der Secession um Gustav Klimt. Der junge Schiele hebt die Gegensätze zwischen dem Schönen und dem Hässlichen, dem Normalen und dem Pathologischen auf. Seine ProtagonistInnen stehen symbolhaft für die Entfremdung des Menschen von der bürgerlichen Gesellschaft und der Kirche. Sie verkörpern eine Allegorie der Heimatlosigkeit des modernen Individuums – das Ablegen falscher Scham wird dabei als Tabubruch zum ästhetischen Prinzip.

Egon Schiele als Ethiker und Moralist

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Egon Schiele, Selbstbildnis mit herabgezogenem Augenlid, 1910 Albertina, Wien
Zwischen 1912 und 1918 schuf Egon Schiele eine Reihe von Werken, die Männer in ärmlichem Gewand zeigen, mit pathetischen Titeln wie Erlösung, Andacht oder Die Wahrheit wurde enthüllt. Mit der motivischen wie inhaltlichen Anlehnung an das Armutsideal von Franz von Assisi hebt sich der junge Künstler einmal mehr vom Materialismus ab, den die Elite des Wiener Fin de Siècle um Gustav Klimt und die Wiener Werkstätte repräsentiert. Schieles Kunst ist dabei allerdings nicht das Abbild seiner persönlichen Befindlichkeit, sondern erhebt vielmehr einen hohen moralischen Anspruch: Schiele erweist sich nicht nur als Künstler von größtmöglicher Freiheit und ästhetischer Autonomie, sondern zugleich auch als Verfechter hoher Ethik und leidenschaftlicher Spiritualität.

  • V-Geste

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Egon Schiele Selbstbildnis mit Pfauenweste, 1911 Ernst Ploil, Wien
Im Kontext von seinen hohen Moralvorstellungen ist auch die berühmte V-Geste, die erstmals in seinem Selbstbildnis mit Pfauenweste zu sehen ist, zu deuten. Das Handzeichen zitiert das berühmte byzantinische Pantokrator-Mosaik der Chora-Kirche in Konstantinopel. Nicht nur in dieser Geste, auch im Lichtkranz, der den Kopf des Künstlers heiligt, inszeniert sich Egon Schiele performativ als Auserwählter von hohem Rang. Die wirre Frisur und der Blick von oben herab lässt das selbstbewusste Genie erkennen, das der Welt das Heil bringt: ein verweltlichter Christus als Herrscher, ein Künstler als Schöpfer und Messias. So wird ein wesentlicher Aspekt byzantinischer Ikonografie zu einer zeitgenössischen Geste uminterpretiert und expressionistisch übersetzt.

  • Selbstfindung

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Egon Schiele, Der Maler Max Oppenheimer, 1910, Albertina, Wien
In der Internationalen Kunstschau 1909 in Wien werden Werke Schieles gezeigt. Er kommt mit Josef Hoffmann (1870–1956) und der Wiener Werkstätte in Kontakt. Gemeinsam mit Kollegen gründet er aus Protest gegen die konservative Ausbildung an der Akademie die Neukunstgruppe und bricht im Juli 1909 sein Studium ab. Im Dezember stellt die Gruppe erstmals in Wien aus. Schiele lernt den Kunstschriftsteller Arthur Roessler (1877–1955) und den bedeutenden Sammler Carl Reininghaus kennen. Ende 1909/Anfang 1910 arbeitet er mit Max Oppenheimer (1885–1954) Seite an Seite, lässt den Jugendstil hinter sich, findet zu einem eigenen Stil und betätigt sich auch dichterisch. 1910 entstehen Porträtgemälde, Karten für die Wiener Werkstätte und Entwürfe für das Palais Stoclet in Brüssel. Schiele nimmt an der Internationalen Jagdausstellung in Wien teil. 1910 schafft Schiele expressive Bilder mit wilder Kolorierung als eigenständige Werke auf Papier, die ihm bereits einen Platz in der Kunstgeschichte sichern.

  • Am Zenit

Anfang 1913 wird Schiele in den Bund Österreichischer Künstler aufgenommen und beteiligt sich an dessen Budapester Ausstellung. Auch in München, Berlin und Düsseldorf sind in prominenten Ausstellungen 1913 zahlreiche Werke von ihm zu sehen. In Wien nimmt er an der Internationalen Schwarz-Weiß-Ausstellung und der 43. Ausstellung der Secession teil. Er reist viel: nach Krumau, München und Villach, malt Stein an der Donau, urlaubt mit Wally bei Arthur Roessler am Traunsee, mit Mutter und Schwester Gerti in Kärnten. 1913 setzt Schiele seine Beschäftigung mit Franz von Assisi in expressiven Allegorien auf Papier fort, setzt sich aber auch mit der Antike auseinander. Schieles isolierte Körperbilder zeigen ihn 1913/14 am Zenit seiner Meisterschaft in ausdruckstarker, zeitloser Darstellung der existenziellen Einsamkeit des Menschen.

  • Später Erfolg

Den großen finanziellen Durchbruch erlebt Egon Schiele im März 1918, als seine Werke bei der 49. Ausstellung der Wiener Secession ausgestellt werden. Er gestaltet nicht nur das Ausstellungsplakat, ein Manifest seiner Beziehung zu anderen Künstlern, sondern tritt auch als Organisator der Ausstellung auf und erarbeitet deren Konzept. Obwohl die Wiener Gesellschaft große Vorbehalte gegen Teile der Ausstellung hat, wird sie ein großer Erfolg – für Egon Schiele ist dies der große Durchbruch, der ihn zum erklärten Nachfolger und legitimen Erben des im Februar verstorbenen Gustav Klimt werden lässt.

  • Früher Tod

Nach dem überraschenden Tod Gustav Klimts Anfang 1918 wird Egon Schiele als der legitime Erbe dieses Hauptmeisters der Österreichischen Avantgarde angesehen und zum Haupt der Wiener Kunstszene. Doch erkrankt Schieles im sechsten Monat schwangere Frau Edith an der Spanischen Grippe und stirbt am 28. Oktober. Schiele zeichnet sie noch am letzten Tag ihres Lebens. Dann erkrankt er selbst an dieser tödlichen hochansteckenden Krankheit, die weltweit mehr Menschen dahinrafft, als im ersten Weltkrieg gefallen sind. Am frühen Morgen des 31. Oktober 1918, am Tag der Auflösung der österreichisch-ungarischen Monarchie, stirbt Egon Schiele im Alter von 28 Jahren. Nach einer Notiz seiner Schwägerin Adele Harms waren seine letzte Worte: „Der Krieg ist aus – und ich muß geh’n.“ [Albertina Wien]

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Externer Link zur Albertina
Die Egon Schiele Ausstellung ist bis zum 18. Juni in der Albertina zu sehen. Täglich 10.00 bis 18.00 Uhr, mittwochs 10.00 bis 21.00 Uhr. Albertinaplatz 1,  A-1010 Wien

Egon Schiele, Selbstbildnis mit Pfauenweste, 1911

Egon Schiele Ausstellung – Auftakt zum Gedenkjahr 2018, bitte weiterlesen →

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Egon Schiele, Selbstbildnis mit Pfauenweste, 1911, Ernst Ploil, Wien

Richard Gerstl Retrospektive – Frankfurt, New York…

Er ist der „erste österreichische Expressionist“ und für viele immer noch ein Geheimtipp: der Maler Richard Gerstl (1883–1908).

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Richard Gerstl, um 1905, Fotografie Archiv Otto Breicha
Er wurde nur 25 Jahre alt und wird in einem Atemzug mit den großen Meistern der Wiener Moderne Gustav Klimt, Egon Schiele und Oskar Kokoschka genannt. In seinen wenigen Lebensjahren schuf der Künstler ein aufregendes und ungewöhnliches, wenn auch überschaubares Werk – eines mit beeindruckenden Höhepunkten und wegweisenden Neuerungen.  Seine Malerei reflektiert seine Auseinandersetzung mit den Widersprüchen der Moderne: Er war ein Rebell, widersetzte sich stilistisch und inhaltlich der Wiener Secession, lehnte deren Schönheitsbegriff ab und bekannte sich zu einer Ästhetik des Hässlichen. Gerstl liebte die Provokation und malte in der Überzeugung, künstlerisch „ganz neue Wege“ zu gehen, gegen tradierte Regeln an. Dabei schuf er schonungslose und selbstbewusste Bilder, die keinem Vorbild folgen und bis heute ihresgleichen suchen. Sein OEuvre ist das eines Suchenden, das bereits vieles vorweg nahm, was erst später in der Kunstgeschichte ausformuliert wurde, etwa in der Malerei des Abstrakten Expressionismus der 1950er-Jahre. Das Porträt, vor allem das Selbstporträt, der Akt und die Landschaft sind Gerstls bevorzugte Genres.

Erste Gerstl Schau in Deutschland und in den USA

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Richard Gerstl, Selbstbildnis als Halbakt, 1902/04, Öl auf Leinwand, 159 x 109 cm, © Leopold Museum, Wien
Die Ausstellung in der Schirn Kunsthalle (-14. Mai) zeigt u. a. zwei Selbstporträts des Malers: das früheste, das Selbstbildnis als Halbakt von 1902/04 und sein letztes, das Selbstbildnis als Akt von 1908. Neben Porträts wie Die Schwestern Karoline und Pauline Fey (März/April 1905) oder das Bildnis Henryka Cohn II (Sommer 1908) präsentiert die Ausstellung auch die zahlreichen Darstellungen von Mathilde Schönberg, etwa Mutter und Tochter (Ende 1906) oder Sitzender weiblicher Akt (Herbst 1908) sowie Porträts der Freunde und Schüler des Komponisten Arnold Schönberg, wie etwa das Bildnis Alexander von Zemlinsky (Juli 1908). Gerstls Gemälde Die Familie Schönberg und insbesondere das Gruppenbildnis mit Schönberg (beide Ende Juli 1908) bilden einen Höhepunkt in der Ausstellung. Die Ausstellung versammelt von 60 überlieferten Werken Richard Gerstls insgesamt 53, darunter Leihgaben aus führenden Museen Österreichs, u. a. aus dem Leopold Museum, der Galerie Belvedere, dem MUMOK, dem Wien Museum, der Albertina, dem Oberösterreichischen Landesmuseum Linz und dem Museum der Moderne Salzburg. Ein großes Konvolut kommt zudem aus der Neuen Galerie in New York, bedeutende Arbeiten aus dem Kunsthaus Zug mit der Sammlung Kamm und weitere Werke aus wichtigen europäischen und amerikanischen Privatsammlungen. Richard Gerstl Retrospektive – Frankfurt, New York… weiterlesen