Archiv der Kategorie: In Hamburg

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Madame d‘Ora. Retrospektive in Hamburg

Ein Großteil der rund 90.000 Aufnahmen der Wiener Fotografin Dora Philippine Kallmus – Künstlername Madame d’Ora – befindet sich heute im Besitz des Bildarchivs der Österreichischen Nationalbibliothek in Wien und des Museums für Kunst und Gewerbe (MKG) in Hamburg.

Madame d'Ora, Atelier d’Ora, Anna Pawlowa, 1913, Silbergelatineabzug, Art On Screen - News - [AOS] Magazine
Madame d‘Ora, Atelier d’Ora, Anna Pawlowa, 1913, Silbergelatineabzug | gelatin silver print, 22,4 x 16,7 cm © Museum für Kunst und Gewerbe Hamburg
Wer sich von Madame d‘Ora (1881-1963) porträtieren ließ, verlieh seiner Person einen Hauch französischer Eleganz. Sie fotografiert Schriftsteller wie Arthur Schnitzler, den Komponisten Alban Berg und den Kulturkritiker Hermann Bahr. Es entstehen Porträts der Schwestern Wiesenthal und von Anna Pawlowa, Tanzaufnahmen der skandalumwitterten Nackttänzerin Anita Berber, des Operettenstars Fritzy Massary, von Josephine Baker und Coco Chanel. Von 1910 bis in die 1950er Jahre ist Madame d’Ora die Porträtistin der Wiener und Pariser Gesellschaft und der Künstlerbohème. Ihre Ateliers in Wien und Paris sucht man auf, um anspruchsvolle, ästhetische und reizvolle Selbstbildnisse entgegenzunehmen, die einen zeitgemäßen Look ausstrahlen und den Anspruch auf einen Platz in der High Society, der Welt der schönen, gebildeten und berühmten Menschen, untermauerten. Die Retrospektive im Museum für Kunst und Gewerbe Hamburg (MKG) gibt in einer umfassenden Ausstellung von rund 250 Exponaten erstmals einen Werküberblick, der von den Anfängen der 1910er bis in die 1950er Jahre reicht, und nimmt eine Neubewertung des Werks von Madame d’Ora vor. Sie kann neben dem Nachlass der Fotografin im MKG auf fotografische Werke, auf Zeitschriften der Zeit und Mode internationaler Leihgeber zurückgreifen.

Machen Sie mich schön, Madame d’Ora!

Madame d‘Ora, Ada André in einer Avantgarde-Jacke der 1930er Jahre Art On Screen - News - [AOS] Magazine
Madame d‘Ora (1881-1963), Ada André in einer Avantgarde-Jacke der 1930er Jahre | Ada André wearing an Avantgarde-Jacket of the 1930‘s , 1930
Silbergelatineabzug | gelatin silver print, 19,7 x 16,7 cm © Museum für Kunst und Gewerbe Hamburg
Neben Porträts fotografiert Madame d’Ora seit den 1910er Jahren auch Mode, u.a. für die Wiener Werkstätten. In den 1920er Jahren platziert die geschäftstüchtige Fotografin ihre Aufnahmen in der sich rasant entwickelnden illustrierten Presse und liefert Vorlagen für neue, gehobene Lifestyle-Magazine wie Die Dame des Ullstein Verlags, Madame oder Officiel de la Cuture et de la Mode. Noch in der Nachkriegszeit fotografiert sie die großen Pariser Couturiers, etwa Balmain oder Balanciaga. Der zweite Weltkrieg setzt jedoch eine radikale Zäsur in ihrem Werk, das sie bis dato ausschließlich der Welt des Schönen gewidmet hatte. Als Jüdin flieht sie 1940 aus Paris in die Ardèche und gelangt 1945 nach Österreich, wo sie 1945/1946 bei Wien das Schicksal der Flüchtlinge dokumentiert. Hier betätigt sie sich erstmals als Sozialreporterin. 1950 und 1958 schafft sie zwei bis heute verstörende Serien über Schlachthöfe, die als künstlerische Reaktion auf die Gräuel des Krieges verstanden werden können.

Dora Philippine Kallmus

Madame d’Ora wird als Tochter eines Wiener Hofgerichtsadvokaten einer wohlhabenden jüdischen Familie mit dem bürgerlichen Namen Dora Philippine Kalmus geboren. Nach ihrer Ausbildung beim Fotografen Nicola Perscheid in Berlin, eröffnet sie 1907 mit ihrem Geschäftspartner Arthur Benda (1885-1969) ein eigenes Atelier in ihrer Heimatstadt Wien. Von 1921 bis 1926 unterhält sie ein Sommeratelier im Kurort Karlsbad und eröffnet 1925 ein Studio in Paris. Nach dem Einmarsch der Nationalsozialisten muss sie als Jüdin fliehen und hält sich in Südfrankreich und Österreich versteckt. 1959 findet ihre Laufbahn mit einem Unfall ein abruptes Ende, 1963 stirbt sie in Frohnleiten.

Madame d'Ora, Museum für Kunst und Gewerbe Hamburg, Art On Screen - NEWS Die Ausstellung „Madame d‘Ora“ bis 18. März 2018 im MKG  in Hamburg entsteht in Kooperation mit dem Photoinstitut Bonartes, Wien. 

Die Geburt des Kunstmarktes. Rembrandt, Ruisdael, van Goyen…

Auf den Spuren von Künstlern wie Rembrandt, Ruisdael, van Goyen und vielen anderen erforscht die Ausstellung – Die Geburt des Kunstmarktes – im Goldenen Zeitalter der Niederlande, wie gesellschaftliche Veränderungen in den Niederlanden des 17. Jahrhunderts einen neuen Kunstmarkt und eine ganz eigene Kunst hervorgebracht haben.

Die Geburt des Kunstmarktes, Art On Screen - News - [AOS] Magazine
Jan Miense Molenaer (1610-1668): Jugendliche Musikanten und ein tanzender Zwerg, um 1630–1635, SØR Rusche Sammlung Oelde / Berlin, Foto © SØR Rusche Sammlung Oelde / Berlin
Die Ausstellung im Bucerius Kunst Forum illustriert, wie sich Künstler, Kunsthändler und ihre Werkstätten auf die neue Marktsituation einstellten und warum die Preise auf dem Kunstmarkt von wenigen Gulden bis hin zu Höchstsummen reichten. Der Handel mit Kunst ist eine Form der gesellschaftlichen Auseinandersetzung mit dieser und somit eine wesentliche Voraussetzung ihres Bestehens. Lange bevor es Museen gab, begann die Diskussion über Kunst auf dem Kunstmarkt und der Geburtsort des Handels mit Kunst waren die Niederlande des sogenannten Goldenen Zeitalters. Kunst wurde zwar auch schon im 16. Jahrhundert, etwa auf dem Antwerpener Markt für Luxusgüter verhandelt, doch wurde dort noch kaum ein Unterschied zwischen freier Kunst und Handwerk gemacht. Die Sonderstellung der Malerei und die Unterscheidung der freien Kunst vom Handwerk sind charakteristische Merkmale des modernen Kunstbegriffs, dessen Ursprünge bis in die Renaissance zurückreichen, der sich jedoch erst im 18. Jahrhundert voll herauskristallisieren sollte. Dennoch spielten diese Merkmale schon eine zentrale Rolle im Goldenen Zeitalter der Niederlande, auch wenn die meisten Maler dem Statusniveau der Handwerker verhaftet blieben: Viele waren in Gilden organisiert, die keinen Unterschied machten zwischen Malern und Anstreichern, da beide mit dem Pinsel arbeiteten.

Die Geburt des Kunstmarktes im Goldenen Zeitalter

Die Geburt des Kunstmarktes, Art On Screen - News - [AOS] Magazine
Govert Flinck (1615-1660): Brustbild eines bärtigen alten Mannes, 1638, Galerie Hans, Hamburg Foto © Galerie Hans, Hamburg
Im 17. Jahrhundert verlor der Adel an Bedeutung und die calvinistisch reformierte Kirche der Niederlande forderte schmucklose Kirchenbauten. Während die traditionellen Hauptauftraggeber also weitestgehend wegfielen, konnte sich ein erstarkendes Bürgertum erstmals Ölbilder leisten. Ein außerordentlich hohes und breit verteiltes Bildungs- und Wohlstandsniveau bot den Nährboden für einen Kunstmarkt, dessen Kommerzialisierung einen größeren Einfluss auf Techniken, Darstellungsformen und Themen der Gemälde haben sollte als die ursprünglichen adeligen und klerikalen Auftraggeber. Die Künstler begannen sich neu zu orientieren und ihre Bilder für einen anonymen Markt zu malen, ohne vorab ihre Käufer und deren Wünsche zu kennen. Eine typische Neuerung war die Ton-in-Ton-Malerei: Sie verkürzte den Malprozess ohne qualitative Einbußen, und der Maler konnte seine Bilder somit günstiger anbieten. Während der Marinemaler Jan Porcellis als ihr Erfinder vermutet wird, war es der Vielmaler Jan Josephsz. van Goyen, der die Technik zu seinem Markenzeichen machte. Darüber hinaus begannen Künstler, ihre Werke in kleineren, flexibleren Formaten anzubieten. Ein Vorteil, der nicht nur eine schnellere Arbeit und damit günstigere Preise, sondern auch bessere Transportmöglichkeiten mit sich brachte.

Der Markt

Die Geburt des Kunstmarktes, Art On Screen - News - [AOS] Magazine
Gerrit Dou (1613-1675): Selbstporträt, um 1645, The Kremer Collection – www.thekremercollection.com, Foto © The Kremer Collection
Die Vorlieben der bürgerlichen Käufer der nördlichen Niederlande wichen von dem in Europa vorherrschenden höfischen Geschmack des Barocks ab. Sie bevorzugten Sujets, die sie verstehen und bezahlen konnten. Bilder mit mythologischen Themen oder teure Historienbilder wurden durch alltäglichere Motive verdrängt. Zusammen mit den Landschaften und Stillleben gelten Genrebilder, realistisch wirkende Darstellungen aus dem Alltag mit anonymen Figuren, als die charakteristischsten Beiträge der Niederländer zur Geschichte der Malerei. Mehr als alle anderen Bildgattungen waren Seestücke mit der Geschichte des Goldenen Zeitalters verbunden, da die Kriegs- und Handelsflotte als entscheidender Machtfaktor der politischen Position der Niederlande galten. Die Jagd als Motiv und Zeitvertreib war dagegen ursprünglich der Aristokratie vorbehalten. Ein Jagdstillleben im bürgerlichen Wohnzimmer war somit sowohl Ersatz als auch Zeichen der Distinktion. Willem van Aelst und Jan Weenix waren erfolgreiche Protagonisten der Spezialisierung zweier Generationen, deren Überschneidung für eine Belebung der Konkurrenz und schärfere Abgrenzung in ihren Motiven sorgte.

Markt-Nischen

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Rembrandt Harmensz. van Rijn (Werkstatt) (1606-1669): Willem Burchgraeff (Detail), 1633, Gemäldegalerie Alte Meister, Staatliche Kunstsammlungen Dresden, Foto © bpk, Staatliche Kunstsammlungen Dresden, Foto: Hans-Peter Klut
Durch die Spezialisierung auf einzelne Bildmotive konnten Künstler schneller produzieren und doch ein hohes Qualitätsniveau erreichen. Sie konzentrierten sich auf Nischen im Markt und so wurden bestimmte Themen zu ihrem Markenzeichen, was wiederum den Verkauf beförderte. Bis heute ist der Künstler Jacob van Ruisdael für seine reißenden Bergbäche berühmt, die es in den Niederlanden gar nicht gab. Man erkennt eine Landschaft mit Kühen als Werk des Malers Paulus Potters oder denkt bei Reiterszenen oder Landschaften mit Pferden an die Kunst Philips Wouwermann. Auch wenn die Historienmalerei in der breiten Bevölkerung weniger Anklang fand, außer bei leicht zu verstehenden alttestamentarischen Darstellungen, behielt sie an der Spitze des Marktes ihre Bedeutung. Wer sich nicht nur lokal sondern auch international einen Namen machen und hohe Preise erzielen wollte, musste sich am höchsten angesehenen Genre profilieren. Amsterdam galt in den Niederlanden als Zentrum der Historienmalerei. So zeichnet sich das Bild von einem Kunstmarkt mit drei Segmenten ab: einem unteren, in welchem Historienbilder als Massenware mit vorzugsweise alttestamentlichen Geschichten vorherrschten und einem mittleren, in welchem sich die für uns charakteristische holländische Malerei unter den Marktzwängen des sehr besonderen gesellschaftlichen Kontextes einer Mittelschicht herauskristallisierte. An der Spitze des Marktes stand wiederum die Historienmalerei im Zentrum des Interesses, hier jedoch als Unterscheidungsmerkmal im Konkurrenzkampf um Reputation. An dieser Spitze standen Künstler wie Rembrandt, Flinck, Bol, Lievens, Backer, die miteinander konkurrierten und mit Kunsthändlern wie Hendrik Uylenburgh oder Johannes de Renialme zusammenarbeiteten, die hohe Preise für ihre Ware verlangten.

Am Ende des Marktes

Am unteren Ende des Marktes hingegen engagierten Kunsthändler unbekannte Maler, kauften die Materialien ein und gaben Themen vor. Dank der Kontrolle aller Preisvektoren konnten sie schnell auf veränderte Nachfragen bei anvisierten Käufergruppen reagieren. 

Hochkarätige Leihgaben kommen aus international bekannten Museen und Sammlungen, darunter Rijksmuseum Amsterdam; Museum Boijmans Van Beuningen; National Portrait Gallery London; Liechtenstein. The Princely Collections. Vaduz / Wien und weiteren Museen und Privatsammlungen.

Die Geburt des Kunstmarktes, Art On Screen - News - [AOS] Magazine
Link zum…
Das Bucerius Kunst Forum präsentiert vom 23. September 2017 bis zum 7. Januar 2018 die erste umfassende Themenausstellung zur Geburt des Kunstmarktes im Goldenen Zeitalter der Niederlande.

Anita Rée – Retrospektive

Im Herbst und Winter 2017/18 präsentiert die Hamburger Kunsthalle die erste umfassende Museumsausstellung zum Werk der Hamburger Malerin Anita Rée (1885–1933).

ANITA RÉE, Art On Screen - News - [AOS] Magazine
ANITA RÉE (1885 – 1933), Selbstbildnis, 1930, Öl auf Leinwand, © Hamburger Kunsthalle / bpk, Foto: Elke Walford
Mit rund 150 Objekten aus allen Schaffensphasen – Gemälden, Aquarellen, Zeichnungen und kunsthandwerklichen Arbeiten – wirft die Retrospektive Licht auf ein facettenreiches OEuvre. Stilistisch reicht es von impressionistischer Freilichtmalerei über kubisch-mediterrane Landschaftsbilder bis hin zum neusachlichen Bildnis. Anita Rée nahm Malunterricht bei Arthur Siebelist in Hittfeld, bildete sich um 1913 in Paris fort und arbeitete in den 1920er Jahren im süditalienischen Positano. Nach ihrer Rückkehr nach Hamburg brachten zahlreiche Porträts und öffentliche Aufträge Rée überregionale Anerkennung, und sie konnte wichtige Kontakte in der Kunstwelt knüpfen. Ihre letzten Jahre verbrachte sie zurückgezogen auf Sylt, wo sie sich 1933 das Leben nahm. Der reiche Bestand der Kunsthalle an Arbeiten Rées wird durch bedeutende Werke aus privaten und öffentlichen Sammlungen ergänzt, darunter Leihgaben aus Deutschland, England, Frankreich, der Schweiz und den USA. 

Externer Link

Anita Rée – Retrospektive: 6. Oktober bis 4. Februar 2018 Hamburger Kunsthalle.