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Richard Gerstl Retrospektive – Frankfurt, New York…

Er ist der „erste österreichische Expressionist“ und für viele immer noch ein Geheimtipp: der Maler Richard Gerstl (1883–1908).

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Richard Gerstl, um 1905, Fotografie Archiv Otto Breicha
Er wurde nur 25 Jahre alt und wird in einem Atemzug mit den großen Meistern der Wiener Moderne Gustav Klimt, Egon Schiele und Oskar Kokoschka genannt. In seinen wenigen Lebensjahren schuf der Künstler ein aufregendes und ungewöhnliches, wenn auch überschaubares Werk – eines mit beeindruckenden Höhepunkten und wegweisenden Neuerungen.  Seine Malerei reflektiert seine Auseinandersetzung mit den Widersprüchen der Moderne: Er war ein Rebell, widersetzte sich stilistisch und inhaltlich der Wiener Secession, lehnte deren Schönheitsbegriff ab und bekannte sich zu einer Ästhetik des Hässlichen. Gerstl liebte die Provokation und malte in der Überzeugung, künstlerisch „ganz neue Wege“ zu gehen, gegen tradierte Regeln an. Dabei schuf er schonungslose und selbstbewusste Bilder, die keinem Vorbild folgen und bis heute ihresgleichen suchen. Sein OEuvre ist das eines Suchenden, das bereits vieles vorweg nahm, was erst später in der Kunstgeschichte ausformuliert wurde, etwa in der Malerei des Abstrakten Expressionismus der 1950er-Jahre. Das Porträt, vor allem das Selbstporträt, der Akt und die Landschaft sind Gerstls bevorzugte Genres.

Erste Richard Gerstl Schau in Deutschland und in den USA

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Richard Gerstl, Selbstbildnis als Halbakt, 1902/04, Öl auf Leinwand, 159 x 109 cm, © Leopold Museum, Wien
Die Ausstellung in der Schirn Kunsthalle (-14. Mai) zeigt u. a. zwei Selbstporträts des Malers: das früheste, das Selbstbildnis als Halbakt von 1902/04 und sein letztes, das Selbstbildnis als Akt von 1908. Neben Porträts wie Die Schwestern Karoline und Pauline Fey (März/April 1905) oder das Bildnis Henryka Cohn II (Sommer 1908) präsentiert die Ausstellung auch die zahlreichen Darstellungen von Mathilde Schönberg, etwa Mutter und Tochter (Ende 1906) oder Sitzender weiblicher Akt (Herbst 1908) sowie Porträts der Freunde und Schüler des Komponisten Arnold Schönberg, wie etwa das Bildnis Alexander von Zemlinsky (Juli 1908). Gerstls Gemälde Die Familie Schönberg und insbesondere das Gruppenbildnis mit Schönberg (beide Ende Juli 1908) bilden einen Höhepunkt in der Ausstellung. Die Ausstellung versammelt von 60 überlieferten Werken Richard Gerstls insgesamt 53, darunter Leihgaben aus führenden Museen Österreichs, u. a. aus dem Leopold Museum, der Galerie Belvedere, dem MUMOK, dem Wien Museum, der Albertina, dem Oberösterreichischen Landesmuseum Linz und dem Museum der Moderne Salzburg. Ein großes Konvolut kommt zudem aus der Neuen Galerie in New York, bedeutende Arbeiten aus dem Kunsthaus Zug mit der Sammlung Kamm und weitere Werke aus wichtigen europäischen und amerikanischen Privatsammlungen.

Gerstl und die Wiener Secessionisten

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Richard Gerstl, Selbstbildnis als Akt, 12. September, 1908, Öl auf Leinwand, 139,3 x 100 cm, © Leopold Museum, Wien
Richard Gerstls Werk umfasste ursprünglich rund 80 Arbeiten, wovon heute nur etwa 60 überliefert sind. Die Unterschiede zwischen Gerstls Malerei und jener seiner Zeitgenossen, der Wiener Secessionisten, sind auffällig und betreffen ebenso den künstlerischen Stil wie auch die Inhalte. Gerstl verweigerte sich grundsätzlich allegorischen Themen und interessierte sich nicht für Angewandte Kunst und Grafik. Sein Verständnis von künstlerischer Ästhetik richtete sich vehement gegen die von der Secession vertretene Auffassung einer vollständigen Stilisierung und Ästhetisierung aller Lebensbereiche. Gerstls Malerei zeichnet sich vielmehr durch eine schonungslose Direktheit ohne Symbolik oder literarische Bezüge aus. Obwohl er schon früh in Kunstkreisen verkehrte – bereits als 15-jähriger wurde er 1898 in die Wiener Akademie der bildenden Künste aufgenommen –, hatte er zeitlebens nicht eine einzige öffentliche Ausstellung. 1908 ergaben sich für ihn zwar Möglichkeiten, die er aber nicht nutzen konnte oder wollte: Zum einen übte Gerstl scharfe Kritik an einer geplanten Ausstellung des Hagenbundes – initiert durch den Mitbegründer, seinen Akademielehrer Professor Heinrich Lefler. Aus Furcht vor einem Skandal wurden seine Werke aus der Präsentation ausgeschlossen. Zum anderen lehnte Gerstl selbst wiederholt Ausstellungsinitiativen ab. So wollte er etwa nicht zusammen mit Gustav Klimt (1862–1918) in der von Carl Moll geleiteten Galerie Miethke ausstellen.

Mathilde & Arnold Schönberg

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Richard Gerstl, Mathilde Schönberg im Garten, Juli 1908, Öl auf Leinwand, 171 x 61 cm, Leopold Museum, Wien
1906 lernte Gerstl den Komponisten Arnold Schönberg (1874–1951) und dessen Frau Mathilde (1877–1923) kennen, denen er privaten Malunterricht erteilte. Mathilde Schönberg, die spätere Geliebte Gerstls, ist neben den Selbstporträts das häufigste Motiv in seinem OEuvre.  Im Gegensatz  zu seinen direkten und lebendig gemalten Selbstbildnissen begegnet der Künstler Mathilde in seinen Bildern stets zurückhaltend, leidenschaftslos und passiv. Zwei Jahre kreiste Gerstl stilistisch und thematisch um das Mathilde-Motiv – von der steifen Darstellung Mathildes und ihrer Tochter in Mutter und Tochter (Ende 1906) über die sehr eigenständige Interpretation der Ornamentik der Wiener Werkstätte in Bildnis der Mathilde Schönberg im Atelier (Frühling 1908) bis zu der deutlichen Van-Gogh-Rezeption in Mathilde Schönberg im Garten (Juli 1908). Sein letztes Gemälde Sitzender weiblicher Akt (Herbst 1908) zeigt die nackte Mathilde in seinem Atelier. Das expressiv-abstrakte Bild entstand vermutlich wenige Tage vor seinem Tod und markiert einen radikalen Schlusspunkt im Werk des Künstlers: Nachdem Mathilde zu ihrem Ehemann zurückgekehrt, und es zum Bruch zwischen Gerstl und dem Schönberg-Kreis gekommen war, erstach und erhängte sich der erst 25-jährige Künstler am 4. November 1908 ohne Vorwarnung in seinem Atelier. [Schirn]

Bildergalerie – Slide Show

Vom 29. Juni bis 25. September 2017 ist die Ausstellung „Richard Gerstl Retrospektive“ in der „Neue Galerie“ in New York zu sehen. Es ist die erste amerikanische Schau.

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